Texte aus dem Gemeindebrief zum Lesen und Nachdenken


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In München ist derzeit die Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise“ zu sehen. Menschen haben einen Koffer mit erstaunlichsten Inhalten gepackt
für eine fiktive „letzte Reise“. Die Ausstellung ist gut besucht. Es ist still darin, auffällig lautlos. Nur verhaltenes Murmeln ist zu hören. Das übliche fröhliche Ausstellungsgeschnatter fehlt.

„Und du – was würdest du einpacken?“, lautet die häufigst gestellte, geflüsterte Frage.  Menschenpaare, Mann und Frau, Freundinnen, Mütter und Töchter sind in sehr ernste Gespräche vertieft. „Und du?“, werde ich gefragt. Abwehr steigt in mir auf, Empörung, wütendes Wegwischen. Moment – jetzt muss ich erst mal dienstlich fort, dafür werde ich einen Koffer packen. Dann ist der 90. Geburtstag einer Tante in der alten Heimat. Ende November mal schnell nach Rom, wegen der Wärme. Im Frühling endlich nach San Francisco, lang geplant.

Auf einmal merke ich, wie kurzsichtig das alles ist, mein gut verplantes Leben. Als hinge es allein an mir, wann ich meinen letzten Koffer packe. Die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ich habe es nicht in der Hand, wann es auf eine letzte Reise geht. Vielleicht bald, vielleicht in Jahrzehnten. Ich werde auch ganz leise auf einmal. Was packe ich ein? Die Fotos der Lieben, den ersten Liebesbrief, mein Lieblingsgedicht?

Alle Gedanken, Irdisches mitzunehmen, erscheinen mir so verdammt hilflos. Banal. Was ich nicht im Herzen trage, nützt mir im Koffer auch nichts. Meine Antwort heißt: Gottvertrauen packe ich ein. Das ist das Einzige, was ich dann brauche. Es wiegt nichts. Der Koffer bleibt leicht. Ich kann schweben.  Gottvertrauen. Das zu wissen, damit kann ich gut leben und auf Reisen gehen.

Es sind übrigens in dieser Ausstellung erstaunlich viele leere Koffer zu sehen!

Ich wünsche Ihnen fröhliches Gottvertrauen, das Ihr Leben leicht macht!

Ihre Studentenpfarrerin Martina Rogler


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Advent und Co.

Advent ist Fastenzeit. Fastenzeit? Wo doch hinter jedem Türchen des Adventskalenders ein Schokolädchen wartet und der Nikolaus mindestens Apfel, Nuss und Mandelkern bringt? Die liturgische Farbe Violett erinnert noch daran: Die Zeit vom 11. November bis Epiphanias wurde als Fas-tenzeit begangen. Epiphanias war damals neben Ostern einer der großen Tauftermine im Jahr und das Fasten gehörte zur Vorbereitung. Worauf bereiten wir uns heute vor?

Es gibt wohl kaum eine andere Zeit im Jahr, die dermaßen gefüllt ist mit Wünschen und Ansprüchen, und es sind ja nicht einmal fremde Ansprüche, wir wollen ja meistens selbst: fertig werden, alles schön haben, mit gutem Gefühl in die Feiertage und das neue Jahr gehen. Und haben oft eine diffuse Sehnsucht nach dem Wesentlichen.

Advent, Weihnachten, Neujahr – und dann?

Das christliche wie auch das jüdische Festjahr ist an heilsgeschichtlichen Ereignissen orientiert. In der Christusgeschichte, die unser Jahr nacherzählt, wirkt das Handeln Gottes an seinem Volk. Dieses Handeln aber hat auch ein Ziel. Die Festjahre der Juden und Christen „öffnen sich auf eine Zukunft hin, erwarten ein Handeln Gottes, das jene Ereignisse, die das Festjahr feiert, übersteigt und vollendet“ (Karl-Heinrich Bieritz). Das Bild vom Jahreskreis, in dem sich alles nur wiederholt („Same procedure as every year“), ist also irreführend, mancher spricht von einer Spirale (nach oben, versteht sich) oder von einem Bergkegel, den man umschreitet und hinaufwandert. Klar, zu dieser Hoffnung auf ein Handeln Gottes gehört der Glaube. Den können wir nicht „machen“, der ist ein Geschenk. Wären wir vorbereitet, wenn wir es bekämen? Wäre für dieses Geschenk Platz in unserem Leben?

Advent, das erste Lichtlein brennt.

Man kann eine Fülle von Adventskalendern kaufen, die zur Besinnung, zum Innehalten, zur Neuorientierung einladen. Man kann in der Bibel lesen, ist immer gut. Man kann aber auch die einfachste Fastenregel ausprobieren: Weglassen. Oder irgendwas gegen den Strich bürsten. Sich im Supermarkt in die längste Schlange stellen und die Zeit des Wartens als geschenkte Zeit betrachten. So was verändert die Welt. Oder doch wenigstens einen selbst.

Man kann versuchen, den Blick zu weiten. Über das Ausfüllen der Spendenüberweisung hinaus sich interessieren für das Leben der Menschen, denen wir von unserem Reichtum etwas abgeben (und es ist immer wieder großartig zu sehen, wie sehr die Deutschen bereit sind zu spenden, die vielbeschworene Finanzkrise hin oder her). Auch das ist eine Art der Vorbereitung. Üben, sie nicht als ein Objekt unserer Hilfe anzusehen, sondern als Schwestern und Brüder, nicht nur in Afrika.

Und dann der Heilige Abend:

Er ist heute oft ein Höhe- und Endpunkt. Und der eine oder die andere wird froh sein, ihn wieder einmal hinter sich gebracht zu haben. Im vollen Bewusstsein, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Johann Hinrich Claussen, Hauptpastor in Hamburg, lädt ein, den Heiligen Abend wieder als den Beginn einer langen Freudenzeit anzusehen: „ein Tor, das auf ein weites schönes Feld führt.“ Auf ein Feld, auf dem man – kalendarisch gesehen – zu Heiligentagen (Stephanus, Apostel und Evangelist Johannes) kommt, zum Altjahrsabend (Silvester), Neujahr, Epiphanias. Kein Endpunkt also, sondern ein Anfang, historisch, theologisch, mit vielen Facetten, die auch denjenigen reich machen können, der sich nicht gerade für glaubensstark hält: Die Geburt eines Kindes, das die Welt verändert hat. Die Menschwerdung Gottes, damit Menschen Gottes Kinder werden. Das Geschenk des Lichts, das die Menschen zu Kindern des Lichts macht.

Ein neues Jahr …

Für Martin Luther begann das neue Jahr mit Weihnachten. Er polemisierte gegen die Feier des Neujahrstags, der sei das Fest der Beschneidung und des Namens Jesu.

Sicher ist es eine der Ursachen für den Druck am Jahresende, dass wir so viele unterschiedliche Zeitsysteme unter einen Hut bringen müssen und wollen. Das Kirchenjahr und das bürgerliche Jahr, das Schul- und Kindergartenjahr und in den Betrieben und Verwaltungen das Haushaltsjahr. Da sind die Festjahre unserer jüdischen und muslimischen Nachbarn noch gar nicht dabei.

Der Druck dürfte aber auch an den Erwartungen liegen, die wir mit diesen Daten verbinden. Und vielleicht tut dabei das Bild von Spirale oder Bergkegel gar nicht so gut. Schneller, höher, weiter: Die Perfektionszwänge haben uns vielfach in der Hand. Für manche bedeutet das steigenden Wohlstand oder gesellschaftliche Position, für andere Aussehen oder Fitness, für wieder andere, keine Fehler machen zu dürfen. Für die Freiheit eines Christenmenschen und Vorstellungen von Erlöstheit ist da wenig Platz.

Doch derselbe Festkalender, der uns manchmal unter Druck zu setzen scheint, eröffnet uns Zeiten, die unserem Leben Rhythmus schenken. Die Fest- und auch die Trauertage, die unseren Gedanken und Gefühlen einen Ort geben. Vor allem aber die Sonntage als Auszeiten vom streng geregelten Alltag, die wir als Feier des Lebens (nicht nur, aber auch im Gottesdienst) begehen können.

Und weil jedem neuen Anfang, auch dem Anfang eines neuen (Kirchen)-Jahres, ein Zauber innewohnt, hier noch ein paar Worte von Fulbert Steffensky: „Vielleicht lehrt mich der Glaube an Gott gerade dies: Das Leben zählt nicht nur in seiner Irrtumsfreiheit, Reinheit und seinem Gelingen. Und so brauche ich mir und den anderen nicht dauernd zu beweisen, dass ich recht hatte. Ich brauche nicht auf mir zu bestehen. Das ist der Anfang der Gewaltlosigkeit …“

Sabine Rauh-Rosenbauer